/* */

Einführung

Ab und zu kommt es vor, dass sich ein neuer Schüler bei mir meldet und schon im ersten E-Mail anmerkt, dass er ein „Antitalent“ sei und fragt, ob ich mir das wirklich zumuten möchte. Diese Aussage ist für mich grundsätzlich interessant und fordert mich heraus dem Schüler zu zeigen, dass er gar nicht so untalentiert ist, sondern sich vielleicht sogar im mittleren Teil der Talentvergabe befindet – oder dem Schüler zu zeigen, warum ist es so wie es ist und Tools anzubieten, welche es ermöglichen das Optimale für sich raus zu holen – und eben trotzdem zu lernen Musik auf der Gitarre zu machen. 🙂

Es stellt sich für mich auch jeweils die Frage, weshalb sich jemand als Antitalent sieht. Gibt es dementsprechende Erfahrungen oder wurde einem früher (vielleicht im Kindesalter) vermittelt, dass man ein Antitalent sei?

In dieser Beziehung können Lehrer, Eltern und andere Bezugspersonen Kindern eine Last für’s Leben mitgeben! Eltern (und Lehrer sowieso!) sollten sich mit solch‘ stark prägenden und einschränkenden Aussagen gegenüber ihren Kindern sehr zurückhalten, das gilt insbesondere für neg. Aussagen über die Fähigkeiten ihrer Kinder, welche immer wieder nutzlos (oder hilflos?) von den Eltern wiederholt werden. Aus meiner Unterrichtserfahrung kann ich hier nur alle Eltern warnen: Wiederholte (schon fast suggestive) negative Äusserungen über die Fähigkeiten eines Kindes können Auswirkungen auf das spätere Sein als Erwachsener haben und auch dann noch einschränkend wirken – nicht selten sogar ein Leben lang! Solche Selbstbildnisse sind leider meist nicht einfach aufzulösen.

Beispiel aus der Praxis 

Z.B. hatte ich einen schulisch sehr klugen Schüler, welcher sage und schreibe drei Universitätsabschlüsse (in versch. Studienbereichen) hatte. Natürlich sprachen wir eines Tages darüber und er offenbarte mir ein recht intimes Geheimnis, dass diese Ausbildungen das Resultat der Auseinandersetzung mit einem dominanten Vater waren. Dieser bezeichnete meinen Schüler über sehr lange Zeit als unfähigen Trottel und wohl noch vieles mehr und mein Schüler musste sich später mit seinen Abschlüssen selbst beweisen, dass er eben kein Trottel ist (Das hat mir der Schüler so gesagt!).

Einige von euch werden nun denken, dass diese grobe Behandlung durch den Vater sich positiv auf den Bildungsstand des Schülers ausgewirkt hat und somit auch positive Aspekte daraus hervor gingen. Isoliert betrachtet stimmt das, jedoch dürfen solche komplexen Zusammenhänge nicht einfach aus dem Kontext des Gesamtbildes genommen werden, sondern müssen in Bezug auf das ganze Persönlichkeitsgefüge des heute über 40 jährigen betrachtet werden:

– Der Schüler konnte seine Fähigkeiten beruflich nicht umsetzen, arbeitet also nicht in den Bereichen welche er studiert hat

– Der Schüler hat soziale Probleme. Es scheint mir, dass er keine Art des Urvertrauens aufbauen konnte – hier kommt eben das Elternhaus ins Spiel – es war schlicht kein liebender Vater da und die Mutter war wahrscheinlich eher auch nicht in der Lage dem Vater gegen zu halten.

– Entsprechend ist der Mensch auch nicht in der Lage zu wissen was er für eine Lebenspartnerin bräuchte, trifft dort eine falsche Wahl und bemerkt erst viel später bemerken, dass es die Falsche war – mit allen Konsequenzen für die Familie.

– Der Nachwuchs wird fast mit Sicherheit Defizite in der einen oder anderen Form aufweisen, weil die Verhaltensweisen der Eltern (z.B. in Konfliktsituationen) sehr prägend für die Kinder sind. Da ich den Nachwuchs kenne, kann ich das auch bestätigen – hier gibt es drastische Auffälligkeiten.

– Statt miteinander zu arbeiten wird ein Alleingängertum häufig vorgezogen (schliesslich musste er seine Uni-Abschlüsse ja auch selbst machen – und war dabei erfolgreich).

Dieser Mensch befindet sich in einer Art Schwanzbeisserschaltung:

Einerseits hat er Probleme, welche er selbst nicht bewältigen kann – andererseits lässt er sich nur ungern helfen, weil ihm das Vertrauen dazu genommen wurde und er ja auch immer alles selbst gemacht hat. Was sagen wir da zu seinem Vater? Danke Papa!

Versuch einer Definition des Talents

Es ist gar nicht so einfach ein „Talent“ oder „Antitalent“ zu definieren. Ein Neurowissenschaftler würde bei der Definition von Talent möglicherweise von spezifischen Ausprägungen des neuronalen Netzwerks bzw. dem Zusammenspiel von Teilbereichen des Netzwerks sprechen, welche bei der Bewältigung von gestellten Aufgaben hilfreich oder eben eher abträglich sind. Physische Gegebenheiten klammern wir jetzt einmal bewusst aus.

Bei näherer Betrachtung des „Talents“ muss uns auffallen, dass dieses „Talent“ verschiedene Teilaspekte beinhaltet, welche in eine Art „Modell“ aufgeschlüsselt werden können. Das Modell kann uns helfen das Talent besser zu verstehen, ist und bleibt jedoch ein Modell.

Wenn jemand in einem oder mehreren für das Musizieren wichtigen Teilaspekten tatsächlich grössere Defizite aufweist, wird es automatisch schwieriger, gesetzte Ziele zu erreichen – jedoch auch dann nicht per se unmöglich. Aber eigentlich fängt die Herausforderung für den Lehrer ja erst dann richtig an, nicht?

Wie sieht das in der Unterrichtspraxis aus?

Der Lehrer stellt fest, dass der Schüler im lösen einer Aufgabe überdurchschnittliche Mühe hat.

In solchen Fällen kann oft relativ kurzfristig Abhilfe geschafft werden, bzw. es kommt gar nicht so weit, dass sich eine Schwäche als solche in zu starker Form zeigt – somit bleibt sie überwindbar:

Der Lehrer betrachtet dabei nicht einfach nur das Spiel des Schülers, sondern verwendet alle seine Sinne, seinen Verstand, sein Empathievermögen und seine ganze Erfahrung um zu verstehen, wie das musikalische Verhalten des Schülers zu diesem als Mensch passt. Also: Welche Persönlichkeitsanteile / Denkweisen / angewandten Lösungsstrategien / Wahrnehmungsselektionen etc. bewirken im Fall dieses Schülers, dass er hier nicht so vorwärts kommt, wie er sich das wünscht und warum wendet der Schüler diese an. Dabei ist es wichtig den Menschen nicht einfach in seiner Musik anzuschauen, sondern ihn als musizierenden Menschen anzuschauen und eben die Musik in ein Verhältnis zu seiner Persönlichkeit zu setzen und ein Gefühl zu entwickeln, wie der Mensch als Ganzes zu der Musik steht.

Wenn der Lehrer in der Lage ist, der Schülerin in der Folge ein verständliches Bild dessen WAS sie behindert  zu geben und ebenfalls Anhaltspunkte WIE dies zu ändern sei und die Schülerin sich darauf einlässt – d.h. ev. bereit ist bekannte Bahnen zu verlassen, kann das im besten Fall sogar augenblicklich zu einer Veränderung führen oder den Hügel auf ein gangbares Mass einebnen. Für die Schülerin bedeutet dies auch eine Anpassung bzw. Erweiterung ihrer Lernstrategien bzw. ihres „Lernmanagements“ – wie schön! Und wenn das gelingt, dann kann das Schüler-Lehrer Team wirklich etwas stolz sein! 🙂

Wenn ich feststelle, dass jemand ein grösseres, relevantes Defizit aufweist, welches ich auch nach einiger Zeit nicht einordnen kann, muss ich den Schüler damit konfrontieren und ihm anbieten zusammen als Team alles zu versuchen, damit wir das Defizit abbauen oder die Wirkung dessen abschwächen können – so, dass es nicht mehr ein zu grosses Hindernis darstellt, welches ein Weiterkommen prinzipiell verunmöglicht oder erheblich erschwert.

Das heisst, dass der Lehrer seine ganze Erfahrung und sein ganzes Wissen in diesen Fall steckt und der Schüler im Gegenzug alles gibt, um den Hügel (gemeinsam) einzuebnen. Dabei ist es wichtig, dass der Schüler einen starken Willen hat und wirklich will. Es wird oft nicht ohne Arbeit gehen – der Wille muss da sein und zwar beiderseits. In so einem Fall hatte ich auch schon mal viele Monate gebraucht, um wirklich helfen zu können – aber der beidseitige Lerneffekt ist in einem solchen Fall natürlich phänomenal.

Die Lehrersicht

Schüler meinen offenbar oft, dass sie ein Lehrer nicht gerne unterrichtet, wenn sie an einem Punkt überdurchschnittlich hängen bleiben. Falls das bei einem Lehrer tatsächlich so ist, sollte er, meiner Meinung nach, jedoch den Beruf wechseln, da jetzt die eigentliche Aufgabe des Lehrers erst beginnt!

Ich persönlich sehe mich in solchen Fällen gefordert auch mich weiterzuentwickeln, weitere Literatur beizuziehen und erkenne in jedem (erfolgreich gelösten Fall) weitere Verknüpfungen zu meinem schon angesammelten Wissen, welches ich dann bei weiteren Schülern einsetzen kann. Diese so über lange Zeit aufgebaute Erfahrung macht meiner Meinung nach den engagierten und guten Lehrer aus – diesem wird es auch nie langweilig werden! 🙂

Anders gesagt: Die Schüler, welche es eben nicht einfach können, fordern mich am meisten, weil ausgetretene Pfade verlassen werden müssen und neue angelegt – das ist sehr spannend!

Schlussendlich gibt es auch Lehrer, welche nicht gerne Anfänger unterrichten, jedoch ist ein solcher Lehrer im eigentlichen Sinne kein Lehrer: Oder hast du schon mal einen Lehrer für die erste Primarklasse getroffen, welcher dir erzählt hat, dass er vom Schulstoff nicht gefordert werde? Nein! Denn beim Unterrichten ist der Inhalt nicht das Zentrum, sondern die Form / das System wie Wissen vermittelt wird. Und logischerweise ist dies dann am spannensten, wenn der Schüler eben nicht auf die normalen Wege anspricht und der Lehrer kreativ werden muss.

Das erarbeiten einer Lösung kann eine Weile dauern, aber meiner Erfahrung nach ist es oft möglich tiefere Probleme anzugehen und zu bewältigen. Zu beachten gilt es auch, dass die Erfahrung eines solch agierenden Lehrers nach Jahren einen unglaublichen Fundus an Ansätzen zur Bewältigung solcher Probleme anhäuft. Persönlich habe ich das Gefühl, dass ich damit jedes Jahr noch fixer werde und einige Lösungen innerhalb sehr kurzer Zeit realisieren kann – vor ein paar Jahren wäre ich dabei einfach noch gegen die Wand gelaufen – trotz aller Pädagogik- Didaktik- und Methodikausbildung. Das führt dann zu der für den Lehrer entlastenden Aussage: Er/sie hatte einfach zu wenig Talent! Das ist für mich unbefriedigend, weil ich mich dann schon dafür interessiere, WARUM etwas so ist wie es ist. Wenn ich das WARUM kenne, kann ich versuchen an einer Lösung zu arbeiten.

Die Lehrerverantwortung

Der Lehrer wird vom Schüler bezahlt. Wenn der Lehrer ein Problem nicht lösen kann, muss er sich mittelfristig selbst ehrlich fragen, ob er an eine Lösung des Problems glaubt und warum. Falls er selbst nicht glaubt, dass es zu einer Lösung kommt, sollte er das Kommunizieren. Wenn der Lehrer das tut, gibt er den Momentanzustand an seinen Schüler weiter, was nicht bedeutet, dass sich dieser Zustand nicht ändern kann.

Jedoch gibt der Lehrer dem Schüler somit auch die Möglichkeit den Unterricht zu beenden. Einen Schüler zu lange zu unterrichten und dabei kein Resultat zu erzielen gibt dem Schüler (welcher das „kein Resultat“ bezahlt) kein gutes Gefühl und Lehrer sollten prinzipiell davon Abstand nehmen Schüler einfach nur noch zu unterrichten, weil sie etwas Geld „absaugen“ können. Ein solches Verhalten zerstört das Vertrauensverhältnis Schüler-Lehrer ohnehin und der Lehrer wird von diesem Schüler wohl auch kaum weiterempfohlen. Und ja, Hand auf’s Herz: Ist das für einen Lehrer interessant, seine Lektionen auf diese Weise „abzusitzen“ und primär einfach nur ein Geld zu verdienen? Ich finde nein – langfristig denke ich sogar, dass so der Enthusiasmus des Lehrers getötet wird und er am Schluss nur noch einen 09 to 05 Job macht.

Abschliessend möchte ich erwähnen, dass es ausreicht ein durchschnittliches musikalisches Talent zu besitzen, um Gitarre spielen zu lernen. Mit einem guten Gitarrenlehrer im Gitarrenunterricht, wird die Erfolgswahrscheinlichkeit nochmals recht bis massiv erhöht, weil der Gitarrenlehrer auf eine unglaublich grosse Erfahrung, die er im Gitarrenunterricht mit hunderten von Schülern erworben hat. Ein grosses Interesse des Lehrers, an Lernprozessen und lernpsychologischen Themen, sei jetzt einmal vorausgesetzt.