Wer in Zürich einen Gitarrenlehrer sucht, findet innerhalb weniger Minuten ein Dutzend Websites – Gitarrenlehrerinnen und Gitarrenlehrer mit Studium, Bühnenerfahrung, jahrelanger Unterrichtspraxis. Wie soll man da entscheiden?

Die verbreitete Annahme lautet, es gehe darum, den besten Lehrer zu finden. Ich sehe das anders: Ein guter Lehrer ist in erster Linie einer, der zu dir passt. Nicht alle brauchen dieselben Lehrerfähigkeiten – aber diejenigen, die du brauchst, sollten möglichst umfangreich vorhanden sein.

Ein gut passender Lehrer lässt dich motivierter, schneller und besser lernen. Ein nicht passender Lehrer kann im schlimmsten Fall ein anfänglich lustvolles Hobby zerstören.

Welche fünf Bereiche sind entscheidend?

Ein guter Gitarrenlehrer ist in diesen fünf Disziplinen stark:

  • Praktische musikalische Fähigkeiten – das Instrument sicher beherrschen
  • Musikalisch-fachliches Wissen – Theorie, Harmonielehre, Zusammenhänge
  • Methodisch-didaktisches Wissen – wissen, wie Lernen funktioniert
  • Erfahrung und Weiterbildung – und zwar beides
  • Umgang mit den Schülern – das Menschliche

Wie stark eine Lehrperson in welchem Bereich gefordert ist, hängt von dir ab. Genau deshalb gibt es keinen Lehrer, der zu allen passt.

Muss mein Gitarrenlehrer selbst gut spielen können?

Ja – es geht unter anderem darum, dass er dir nichts beibringt, was du später wieder verlernen oder umlernen musst:

Fehlt die Erfahrung, kann es passieren, dass du etwas in einer Form lernst, die irgendwann an ihre Grenzen stösst. Das nach Jahren des Übens umzulernen ist eine grosse Zeitverschwendung – und oft sehr mühsam, weil du dich dafür auf ein tieferes Niveau zurückbegeben musst, um falsch erlernte Automatismen aufzulösen.

Als Faustregel: Wer dich unterrichtet, sollte dir auf dem Instrument viele Jahre voraus sein. So bleibt absehbar, wohin dich das führt, was du heute lernst.

Wie viel Fachwissen braucht ein Gitarrenlehrer?

Genug, um dieselbe Fragestellung von mehreren Seiten beleuchten zu können, sodass die Lehrkraft die Fragestellung an deine Bedürfnisse und deinen Lerntyp anpassen kann.

Wo dieses Fundament fehlt, entsteht Halbwissen. Ich finde das immer wieder in YouTube-Videos: Da sprechen Menschen über ein Fachgebiet, das sie selbst nicht in der nötigen Tiefe verstanden haben. Die Lernenden können das Gehörte selbst nicht einordnen, ziehen möglicherweise falsche Schlüsse oder werden schlicht verwirrt. Solche Verwirrungen können jahrelang bestehen bleiben – im Einzelunterricht wären sie dagegen oft schon in wenigen Minuten aufgeklärt.

Die Gitarre ist im Gegensatz zum Klavier kein wirklich «verständliches» Instrument: Beim Klavier bilden allein die weissen Tasten schon eine musikalische Struktur ab, nämlich eine C-Dur-Tonleiter. Dreiklänge und andere Strukturen lassen sich auf einem Klavier sehr praxisnah unterrichten. Die Gitarre ist nicht linear aufgebaut und bildet in sich keine solche Struktur ab – dieselben theoretischen Zusammenhänge sind hier deutlich schwerer zu vermitteln. Hier ist der Gitarrenlehrer zusätzlich gefordert.

Ein guter Lehrer weiss auch, wann ein Thema im vollen Umfang noch zu früh ist. Ich sage das in solchen Fällen offen: «Für den Moment ist Folgendes die Wahrheit…» – und rücke diese Teilinformation später ins Gesamtbild.

Warum ist ein guter Musiker nicht automatisch ein guter Lehrer?

Weil es zwei komplett verschiedene Disziplinen sind. Wer unterrichtet, muss in beiden ausgebildet und an beiden interessiert sein.

Ich bin gegenüber autodidaktischen Lehrern kritisch eingestellt – besonders dann, wenn sie finden, Unterrichten sei ja ganz einfach. Das hat einen ganz persönlichen Grund:

Ich hatte als Musikschüler selbst über längere Zeit einen solchen Lehrer, ohne mir dessen bewusst zu sein. Damals war ich überzeugt, dass viele meiner musikalischen Probleme mit mir zu tun hätten. Heute weiss ich: Dieser Lehrer war schlicht nicht in der Lage, mich zu unterrichten – mangels seiner pädagogisch-didaktischen Fähigkeiten.

Rückblickend hat mich diese Zeit als Lehrer wohl weitergebracht – sozusagen als Negativbeispiel. Auch das hat seinen Wert. Aber es sind Jahre, die ich lieber anders verbracht hätte.

Wie viel Erfahrung sollte ein Gitarrenlehrer haben?

Wer rund 10’000 Lektionen erteilt hat, ist in meinen Augen erfahren. Das ist eine brauchbare Grössenordnung – aber die Zahl allein sagt noch nicht alles.

Mindestens ebenso wichtig ist, ob jemand weiterhin dazulernen will. Selbst ausgebuchte Musiklehrer vernachlässigen die Weiterbildung gern, ganz einfach, weil sie sich nicht unmittelbar in mehr Schülern niederschlägt. Dabei wirkt sie sich spürbar darauf aus, wie gut Schülerinnen und Schüler vorankommen.

Ich merke das an mir selbst: Bei komplexeren, selten gesehenen Problemen kann ich heute viel besser helfen, als ich das vor zehn Jahren gekonnt hätte.

Bei welchen Aussagen wäre ich vorsichtig?

«10 Jahre Berufserfahrung.» Klingt beeindruckend – aber Musiklehrer arbeiten oft in Teilzeit. Zehn Jahre bei einem 30-Prozent-Pensum entsprechen drei Jahren Vollzeit. Das ist kein Grünschnabel mehr, aber eben auch kein wirklich erfahrener Lehrer. Kommuniziert wird diese Einschränkung selten. Sinnvoll wäre eigentlich die Angabe in erteilten Lektionen.

«Ich unterrichte nur wenige Schüler und habe deshalb mehr Zeit für dich.» Das kann im Einzelfall zutreffen. Häufiger ist es so, dass neben dem Unterricht andere Projekte verfolgt werden und der Fokus dort liegt. Dazu kommt ein Rechenproblem: Wer Vollzeit unterrichtet, kann zwei bis vier Wochenstunden in Weiterbildung stecken – fünf bis zehn Prozent der Arbeitszeit. Bei einem 30-Prozent-Pensum wären dafür fünfzehn bis dreissig Prozent nötig. Meist bleibt da nur, die Weiterbildung zu kürzen.

Gleicher Preis bei ungleicher Ausbildung. Auf Vermittlungsplattformen bieten studierte Lehrer und Autodidakten ihren Unterricht teilweise zu denselben Konditionen an. Ich finde das stossend – ein Musikstudium dauert etwa fünf Jahre mit mehreren tausend Lektionen in den verschiedensten Fächern.

Mehr dazu, was Unterricht kosten darf, findest du hier: Was darf Musikunterricht kosten?

Wie wichtig ist die menschliche Ebene?

Wichtiger, als viele denken. Bei einer Umfrage unter meinen Schülerinnen und Schülern hat sich das deutlich bestätigt.

Die Frage ist im Grunde einfach: Wer arbeitet schon gern mit einem mürrischen Griesgram? Man wendet sich lieber an Menschen, die freundlich und hilfsbereit sind und mit denen man vielleicht auch ein paar Werte teilt.

Im Musikunterricht kommt hinzu, dass es um Gefühle geht – und um Vertrauen. Problematisch ist dabei weniger das Können deines Lehrers als die Attitüde, die manche Lehrer dabei spürbar machen. Wer sich als Genie versteht, fühlt sich von den Fragen eines Anfängers schnell belästigt. Dann steht diese Haltung zwischen euch, und im Schüler-Lehrer-Team funktioniert die direkte Kommunikation nicht mehr. Wenn du das erlebst, würde ich einen Lehrerwechsel in Betracht ziehen.

Und wenn alles stimmt, es aber trotzdem nicht passt?

Dann passt es nicht – und das ist kein Versagen, weder deines noch das deiner Lehrperson.

Eine Lehrperson kann in allen fünf Bereichen stark sein und trotzdem die falsche für dich sein. Vielleicht schafft sie zu viel Struktur, wo du Freiraum brauchst. Vielleicht erklärt sie zu analytisch, während du eher übers Gefühl lernst. Solche Unverträglichkeiten sind häufiger, als offen darüber gesprochen wird.

Das Einzige, was wirklich Klarheit schafft, ist eine Probelektion. Alles andere – Website, Referenzen, Lebenslauf – bleibt Vermutung.

Woher diese Überlegungen stammen

Die fünf Kriterien in diesem Artikel sind Teil I meines Buches «Dein Musikinstrument einfacher spielen lernen» entnommen, erschienen 2017 bei BoD, 160 Seiten. Das Buch behandelt auf gut dreissig Seiten allein die Frage der Lehrerwahl – von der Probelektion über Lehrertypen bis zum Unterrichtsort.

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