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Motivation vor dem TV zu üben

Als Gitarrenlehrer wird man im Gitarrenunterricht immer wieder mit der Frage konfrontiert, ob man technische Übungen, welche 1000+ Mal wiederholt werden sollten, nicht auch vor dem Fernseher üben kann.

Die Idee dahinter ist einfach: Man braucht keine zusätzliche Zeit und dieses extrem repetitive Üben wird für viele sehr viel „erträglicher“.

Wieso üben wir solche technischen Übungen?

In erster Linie um schneller zu werden – zumindest ist das die am häufigsten verwendete Antwort.

Es geht aber nicht einfach nur um’s schneller werden, sondern auch darum mit den Bewegungen vertraut zu werden. Vielleicht kennst du das Gefühl, dass wenn du etwas spielst, es sich einfach nicht angenehm/normal/entspannt anfühlt – du merkst ein Art Widerstand – und das soll nicht sein! Durch die sehr häufige Wiederholung dieses Ablaufs wird der Bewegungsablauf, welchen du als „unnatürlich“ empfindest angenehmer, bis er sich schlussendlich „normal“ anfühlt.

Und schlussendlich möchten wir diese tech. Abläufe entspannt spielen können. Es ist nicht einfach, ab einer gewissen Geschwindigkeit, „relaxed“ zu bleiben – dies ist aber ein Muss, um so schneller du wirst.

Das Missverständnis

Was heisst eigentlich schneller spielen? Wie kommen wir dazu schneller zu spielen? Müssen wir einfach viele Wiederholungen machen und wir werden schneller?

Jain:

Bis zu einem gewissen Grad mag es stimmen, dass uns die Wiederholungsanzahl schneller macht. Schlussendlich automatisieren wir einen Bewegungsablauf, damit dieser wie von selbst fliesst. (in einem weiteren Schritt würden wir jedoch wieder Kontrolle über den automatisierten Ablauf gewinnen wollen – ihn möglichst beliebig unterbrechen können – dies sei jedoch nur am Rande erwähnt).

Allerdings ist dies nicht die ganze Wahrheit. Denn Geschwindigkeit ist auch ein Resultat von Perfektion. Das heisst: Um eine gewisse Geschwindigkeit überhaupt erreichen zu können, ist ein gewisser Grad an Perfektion der Bewegungsabläufe notwendig. Falls du diesen nicht erreicht hast, wirst du nur noch unwesentliche Fortschritte machen.

Meine Unterrichtspraxis hat mir gezeigt, dass auch Gitarristen die schon Jahre spielen sehr oft gar nicht in der Lage sind wahrzunehmen, an welcher Ecke es bezüglich ihrer Perfektion mangelt! Wie sollten sie also einen Fortschritt machen?

Fazit:

  • Wir müssen an unserer Geschwindigkeit arbeiten (Automatisierung funktioniert ab einer gewissen Geschwindigkeit viel besser, weil das Gehirn dann die Töne im Kontext (viel vernetzter) wahrnimmt und nicht als einzelne Elemente.)
  • Wir müssen an unserer Perfektion arbeiten

Ich glotz TV… und spiel‘ Gitarre

Wir können vor dem TV an der Geschwindigkeit arbeiten. Korrekterweise müssten wir dazu jedoch auch ein Metronom laufen lassen, damit wir ausschliessen können, dass wir uns selbst reinlegen.

Vor dem TV ist unsere Wahrnehmung nicht primär auf unser Spiel gerichtet, d.h. wir sind nicht oder nur eingeschränkt in der Lage an unserer Perfektion zu arbeiten.

Dies bedeutet, dass wir vor dem TV wohl bis an eine gewisse Grenze schneller werden können, jedoch oft auch „nicht perfekte Abläufe“ automatisieren. Später werden wir uns diese wieder mühsam (oft auch über Jahre!) abtrainieren müssen – das ist übel.

Es verwundert auch nicht, dass wir vor dem TV nicht in der Lage sind, die notwendige Aufmerksamkeit auf unser Spiel zu lenken, denn wie oben erwähnt, auch Gitarristen die seit Jahren spielen, nehmen ihr Spiel oft noch nicht richtig wahr – und dies – obwohl sie ja nicht vor dem TV üben.

Fazit

Wenn du Ambitionen hast, wirst du während dem Üben deine volle Aufmerksamkeit auf dein Spiel lenken müssen. Dabei sind sehr viele Mechanismen/Wahrnehmungen aktiv: Tastsinn, Gehörsinn… Wahrnehmung von Abweichungen, Zuordnen von Abweichungen, Korrektur von Abweichungen…

… die notwendige volle Aufmerksamkeit zeigt klar auf, dass ein Üben vor dem TV mit Vorsicht genossen werden sollte – ja sogar kontraproduktiv sein kann, wenn man hohe Qualitätsanforderungen stellt.

Sprich doch am besten deinen Gitarrenlehrer auf die Wahrnehmung dieser „Perfektion“ – an. Behalte immer im Kopf „Perfektion“ hat auch mit der max. „Spielgeschwindigkeit“ zu tun bzw. definiert diese zum Teil.

Anmerkung zum Schluss: Jeder Mensch der den TV aus seinem Leben verbannt hat, konnte mir bestätigen, dass sein Leben in vielerlei Hinsicht an Qualität gewonnen hat. (Familienleben, zur Verfügung stehende Zeit…). Ein Mensch, welcher täglich 2 Stunden TV schaut, sitzt während 10 Jahren mehr als 7000 Stunden vor der Kiste – dies entspricht 875 Arbeitstagen von jeweils 8 Stunden. Man rechne dies jetzt mal auf ein ganzes Menschenleben hoch und für jemanden, der mehr als 2 Stunden pro Tag Richtung TV schaut – wer da ob dieser unglaublichen Menge an verbrauchter Lebenszeit keine Gänsehaut bekommt… 😉

Erstpublikation: 2008.08.05; Update: 2019